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März 2002
für: Autismus-Ambulanz Linker Niederrhein

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AD(H)S - Diagnosekriterien des DSM-IV


Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

A. Entweder Punkt (1) und/oder Punkt (2) müssen zutreffen:

1. Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit sind während der letzten sechs Monate in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessen Ausmass vorhanden gewesen:

Unaufmerksamkeit

  • beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten
  • hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,
  • scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn / sie ansprechen
  • führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellen Verhaltens oder Verständigungsschwierigkeiten),
  • hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
  • vermeidet häufig, oder hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger dauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
  • verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),
  • lässt sich oft durch äussere Reize leicht ablenken,
  • ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich;

2. sechs (oder mehr) der folgenden Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität sind während der letzten sechs Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmass vorhanden gewesen:

Hyperaktivität

  • zappelt häufig mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
  • steht in der Klasse oder in Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird häufig auf,
  • läuft herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben),
  • hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
  • ist häufig "auf Achse" oder handelt oftmals, als wäre er / sie "getrieben",
  • redet häufig übermässig viel; Impulsivität
  • patzt häufig mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
  • kann nur schwer warten, bis er / sie an der Reihe ist, unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).

    B. Einige Symptome der Hyperaktivität-Impulsivität oder Unaufmerksamkeit, die Beeinträchtigungen verursachen, treten bereits vor dem Alter von sieben Jahren auf.

C. Beeinträchtigungen durch diese Symptome zeigen sich in zwei oder mehr Bereichen (z.B. in der Schule bzw. am Arbeitsplatz und zu Hause).

D. Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen vorhanden sein.

E. Die Symptome treten nicht ausschliesslich im Verlauf einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung auf und können auch nicht besser durch eine andere psychische Störung erklärt werden (z.B. affektive Störung, Angststörung, dissoziative Störung oder eine Persönlichkeitsstörung).

Hierbei kodiert man je nach Subtypus:

314.01 (F90.00) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus liegt vor, wenn die Kriterien A1und A2 während der letzten sechs Monate erfüllt waren.

314.0 (F98.8) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, vorwiegend unaufmerksamer Typus liegt vor, wenn Kriterium A1, nicht aber Kriterium A2 während der letzten sechs Monate erfüllt war.

314.O1 (F90.1) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typus liegt vor, wenn Kriterium A2, nicht aber Kriterium A1 während der letzten sechs Monate erfüllt war.


Bei Personen (besonders Jugendlichen und Erwachsenen), die zum gegenwärtigen Zeitpunkt Symptome zeigen, aber nicht mehr alle Kriterien erfüllen, wird "teilremittiert" spezifiziert.

Genauso wie mit dem Asperger-Syndrom ist es wichtig, auch ADD unbedingt von einem Fachmann abklären zu lassen, wenn man das Gefühl hat, dass es auf einen selbst zutreffen könnte. Viele dieser Symptome können nämlich auch aus verschiedensten
Gründen bei "Gesunden" auftreten. Wenn tatsächlich eine ADD vorliegt, kann diese häufig erfolgreich medikamentös und therapeutisch behandelt werden. Trotzdem darf man aber auch dann nicht annehmen, von einen Tag auf den anderen "geheilt" zu sein. Gewisse Züge des ADD wird man immer behalten.

Weiterlesen ? ADD-Links


AD(H)S und Asperger-Syndrom
(Einige Gedanken - von Fee)

AD(H)S (Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Syndrom) wird oft auch als ADD (engl. attention-deficit-disorder/ dt. Aufmerksamkeits-Defizit-Disposition) bezeichnet. ADD kann in Verbindung mit Hyperaktivität auftreten (daher das H in Klammern) oder nicht. Es gibt auch noch die Form des ADD, die sozusagen das Gegenteil des hyperaktiven Kindes darstellt, die Hypoaktivität. Diese findet sich vergleichsweise oft bei Mädchen und Frauen. Betroffene sind zwar ADD-typisch ablenkbar, aber ihre ADD äußert sich nicht in übermäßiger Zappeligkeit, sondern vor allem in Tagträumerei, "Schusseligkeit", Vergesslichkeit etc. Auch sie bleiben häufig hinter ihren eigentlichen Fähigkeiten zurück, weil es ihnen so schwer fällt zu lernen oder Dinge anzufangen und bei der Sache zu bleiben. Oft sind solche Menschen sozial sehr zurückgezogen und sehr still. Anders als Hyperaktive fallen sie z.B.in der Schulzeit kaum auf, da sie ja nie stören - und werden daher eher selten diagnostiziert, obwohl sie lebenslang und ihren Problemen leiden, deren Ursache sie einfach nicht finden. Gerade die Form des "hypoaktiven" ADD kann unter Umständen dem Asperger-Syndrom sehr ähnlich sehen.

Auf der anderen Seite haben sehr viele AS-Betroffene (aus eigener Erfahrung kann ich sagen, fast alle AS-Betroffenen, die ich kennengelernt habe) eine Reihe von Symptomen, die nicht im
DSM IV erfasst werden und stark an ADD erinnern. Dabei handelt es sich im Einzelnen oft um Symptome wie:

  • Probleme, sich über längere Zeit auf einen Text konzentrieren zu können (daraus resultierend Probleme mit ausdauerndem Lesen), allgemeine Konzentrationsprobleme
  • Probleme, Dinge anzufangen, aber auch "Feststecken" in Handlungen
  • Bei manchen Betroffenen hyperaktive Tendenzen (Zappeligkeit)

    Ob diese Betroffenen tatsächlich zusätzlich zu ihrem Asperger-Syndrom an ADD leiden ist aber dennoch nicht sicher. Es ist möglich, dass ihr ADD quasi von ihrem Asperger-Syndrom "verdeckt" wird, sodass nur wenige Symptome offensichtlich sind - dies kann aber nur von einem Fachmann festgestellt werden. Ist dem der Fall kann eine Behandlung das Leben des Betroffenen deutlich erleichtern.

    Andererseits kann man sich auch fragen, ob diese Symptomatik nicht auch etwas mit den sensorischen Wahrnehmungsschwierigkeiten zu tun hat, an denen viele Betroffene stark leiden, und damit nur eine Art "Pseudo-ADD" darstellt, die ihrerseits ebenfalls dem ADD mit Hypoaktivität stark ähneln kann.* Dies würde bedeuten, dass der Betroffene Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme hat, weil die Kompensation der gestörten Wahrnehmung einen so großen Teil der zur Verfügung stehenden Ressourcen "frisst", dass für das, was getan werden muss kaum noch Energie übrigbleibt.Ob in dem Fall eine echte ADD-Diagnose sinnvoll ist, muss hinterfragt werden - oder ob dann nicht andere Wege, den Betroffenen zu helfen gegangen werden sollten, z.B. über sensorische Integration, Irlen-Brillen, Hörtraining etc. Ich neige inzwischen dazu, dieser Überlegung zuzustimmen, obwohl ich eine "offizielle" ADD-Diagnose habe.Überhaupt hätte ich Probleme, zu sagen, "wo mein AS aufhört und wo mein ADD anfängt" - viel zu eng ist dies alles miteinander verwoben.
    Trotzdem muss ich hinzufügen, dass tatsächlich auch ADD-Medikation hilfreich sein kann (z.B. habe ich den Eindruck, dass sie bei mir den Stresslevel gewaltig senkt, und auch die Verarbeitung von Sinneseindrücken um einiges erleichtert). Tatsächlich reagiere ich auf ADD-Medikamente nach außen hin ähnlich wie ADD-Betroffene: Ich kann mich besser konzentrieren, ausdauernder arbeiten, endlich besser lesen, bin ruhiger und ausgeglichener usw. Daher sollte man sich dagegen nicht grundsätzlich gegen eine zusätzliche Diagnose von ADD sperren (mit der alleinigen Diagnose AS wird kaum ein Arzt ADD-Medikamente verschreiben).
    Wenn man nun die Argumentation umkehrt, könnte man sich fragen, ob Menschen mit "hypoaktivem" ADD nicht vielmehr an einer leichten Form von AS leiden usw. Allerdings dreht sich diese Argumentation damit im Kreis. Vielleicht ist hier auch ein Umdenken seitens der Professionellen und daraus folgend eine Überarbeitung der Diagnosekriterien gefragt. Dies ist allerdings meine subjektive Sicht der Dinge, und keineswegs wissenschaftlich gefestigt. Möglicherweise werden mir sogar viele Leute wiedersprechen (denn mir ist klar, dass AS und ADD bis heute von der Forschung als zwei neurologisch grundsätzlich verschiedene Störungen betrachtet werden).

  •  

*Danke für diese Überlegung an Frau E. Wepil (Ambulanz Mülheim), die ADD-Züge an den meisten ihrer Klienten mit Asperger-Syndrom beobachtet hat !

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