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DSM
IV ICD-10
Texte
von Betroffenen und Eltern
Das Asperger-Syndrom
Das Asperger-Syndrom
aus der Sicht eines Betroffenen
(Rainer
Döhle)
Wer als Laie an
Autismus denkt, hat vermutlich das Bild von einem Kind vor Augen, das
vollständig in sich gekehrt ist, immer wieder dieselben Bewegungen
wiederholt und bei Berührungen zu Panikattacken, Schreien und Selbstverletzungen
neigt. Tatsächlich ist das aber nur eine mögliche Form von
Autismus, die man auch Kanner-Autismus nennt.
Sehr vielen Autisten
sieht man dagegen ihre Behinderung auf den ersten Blick kaum an, da
sie eine weniger schwerwiegende Form des Autismus haben,
das Asperger-Syndrom. Asperger-Betroffene wollen oft von ihrer Umwelt
nicht als Behinderte abgestempelt werden und sind darum bemüht,
möglichst wenig "anzuecken", manch einer ist auch berufstätig
oder studiert, bei vielen findet sich eine Hochbegabung, aber wenn man
genauer hinsieht, erkennt man, dass hinter dieser sozusagen durch hohe
Schauspielkunst aufrechterhaltenen Fassade oft massive Probleme verborgen
liegen, die sich besonders im Umgang mit anderen Menschen zeigen.
Asperger-Autisten
sehen anderen Menschen ungern in die Augen, vermeiden Körperkontakt,
wie etwa das Händeschütteln, sind unsicher, wenn es darum
geht, Gespräche mit anderen zu führen, besonders, wenn es
sich um einen eher belanglosen Smalltalk handelt, denn all die sozialen
Regeln, die andere intuitiv beherrschen - und die ja auch nicht immer
der Logik folgen - etwa, dass man nur um des freundschaftlichen Kontaktes
willen (und nicht aus meteorologischem Interesse) über das Wetter
redet oder einfach fragt: "Wie geht's?", ohne dass man einen
medizinischen Zustandsbericht erwartet, dass sind Dinge, die zu begreifen
Autisten schwer fallen und die, wenn überhaupt, nur durch einige
bewusste Anstrengung des Intellekts von ihnen geleistet werden kann.
Daher haben Autisten oft auch keine oder kaum Freunde, jedenfalls was
den Kontakt zu Nichtautisten angeht.
In der Schule etwa
sind sie in den Pausen lieber für sich, weil sie mit dem "ganz
normalen" Umgang anderer Schüler untereinander, mit ihrem
Geplauder und ihren Witzen wenig anfangen können. Im Unterricht
haben sie naturgemäß regelmäßig bessere schriftliche
als mündliche Noten und etwa vor versammelter Klasse einen Vortrag
zu halten ist etwas, das die wenigsten Asperger-Autisten leisten können.
Da aber auch in der Ausbildung und im Studium oft derartige Dinge gefordert
sind, findet man immer wieder Autisten, die vielleicht einen weit über
dem Durchschnitt liegenden IQ haben und dennoch eine Ausbildung nach
der anderen abbrechen müssen. Dazu kommt, dass auch die Information
über Autismus in der Allgemeinheit immer noch längst nicht
so verbreitet ist, wie es nötig wäre, sodass die meisten Autisten
auch überhaupt nicht wissen, dass sie zu dieser Gruppe von Menschen
gehören und je später eine korrekte Diagnose erfolgt (auch
bei vielen Psychologen fehlt hier das Detailwissen, sodass sie bisweilen
bei dieser von außen schwer eindeutig erkennbaren auch Fehldiagnosen
stellen), desto schwieriger ist die Hilfe.
Autismus ist auch
im eigentlichen Sinne nicht heilbar; die Wahrnehmung der Welt und die
Beziehung zu anderen Menschen bleibt ein Leben lang anders als bei "normalen"
oder wie Autisten gern sagen "neurologisch typischen" (NT)
Menschen; dennoch lässt sich mit kompetenter Hilfe viel erreichen.
Autisten verfügen oft über ganz erstaunliche kreative Potentiale
- es gibt gute Musiker unter ihnen, auch liegt oft eine Neigung zu Sprach-
und Wortspielen vor - die oft genug unentdeckt und ungenutzt bleiben,
wenn keine Hilfe erfolgt. Auch haben viele Asperger-Autisten umfangreiches
Wissen in begrenzten Spezialgebieten - wenn man einen Menschen sieht,
der sich stundenlang mit irgendwelchen Statistiken oder Tabellen beschäftigt,
ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man einen Autisten vor sich hat.
Wichtig ist vor allem, dass der Zugang zu diesen Menschen möglichst
indirekt erfolgt. Übliche Methoden mit Lob und Tadel greifen oft
nicht und verstärken oft nur selbstbestrafendes Verhalten des Autisten;
auch Festhaltetherapien sind in der Regel nur eine Qual für alle
Beteiligten, ohne dass der Nutzen dabei allzu groß wäre.
Auf jeden Fall ist
indirektes schriftliches Vorgehen oft besser als direkte mündliche
Ansprache. Am Anfang steht jedenfalls die korrekte Diagnose als Asperger-Autist;
hat der Betroffene, egal ob Kind oder Erwachsener, erst einmal einen
Begriff für sein Handicap, erlebt er das meist als eine Befreiung.
Es lassen sich dann auch leichter Fachleute finden, mit denen man darüber
reden kann, die einem auch Therapiemöglichkeiten aufzeigen können
und vor allem findet man ja so auch erst den Zugang zu dem ständig
wachsenden Angebot an Selbsthilfe. So verständnisvoll und behutsam
Eltern und Psychologen auch vorgehen, es ist doch kein Vergleich damit,
was betroffene Autisten untereinander auszutauschen in der Lage sind;
hier fällt das schwierige Erklären, was denn Autismus ist,
weg, damit auch viele psychologische Hemmungen und man erlebt untereinander
auch immer wieder den das-kenne-ich-bei-mir-auch-Effekt, der oft große
Erleichterung bewirkt.
Von Rainer Döhle
Rainer@autismus-in-berlin.de
Über das
Asperger Syndrom - und falsche Annahmen
(Cornelia, Mutter eines Sohnes mit AS)
Es kommt nicht selten
vor, dass das Asperger Syndrom mit rein psychologischen Problemen verwechselt
wird.
- Etwa mit extremer
Schüchternheit.
- Mit großer
sozialer Unsicherheit, die auf der übertriebenen Sorge darum
beruht, was andere von einem denken könnten.
- Oder mit der
Überbewertung von Befindlichkeitsstörungen aufgrund übersteigerter
Selbstbeobachtung.
Dies beruht auf
einem Missverständnis:Das
Asperger Syndrom ist eine schwerwiegende lebenslange autistische Behinderung,
die erheblich mehr beinhaltet, als sehr schüchtern zu sein, Einzelgänger
zu sein, eine Sozialphobie zu haben oder Kommunikationsprobleme zu haben.Diese
Behinderung beruht auf neurologischen Problemen, "komplexen Störungen
des Zentralnervensystems, insbesondere im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung,"*
die nach heutigem Wissen höchstwahrscheinlich zumindest unter anderem
genetisch bedingt ist.
Das bedeutet unter
anderem:
Autismus ist nicht
heilbar.
Autismus wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus.
Autismus ist eine Mehrfachbehinderung.
Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung.
...-Störung, nicht -Verzögerung! Es ist also keineswegs so,
dass die "normale" Entwicklung lediglich langsamer verläuft
oder später einsetzt. Autismus "wächst sich" nicht
"aus".
Autismus hat nichts
zu tun mit der "inneren Einstellung",
nichts damit, dass sich Betroffene etwa "nicht genug Mühe"
gäben, ihren Zustand zu ändern,
nichts mit "mangelnder Willenskraft",
nichts mit "sich nicht zusammenreißen",
nichts mit "Selbstmitleid",
nichts mit "sich Hängenlassen",
nichts mit "Faulheit",
nichts mit "schlechter Arbeitshaltung",
nichts mit "zu schwach sein, den inneren Schweinehund zu überwinden",
nichts mit "fehlender Motivation",
nichts mit "Gleichgültigkeit"
nichts mit "Arroganz",
nichts mit "Egoismus"
nichts mit "Bosheit",
nichts mit "Trotz",
nichts mit Überempfindlichkeit im Sinne von "sich anstellen"
oder "mimosenhaftigkeit",
nichts mit "verwöhntsein",
nichts mit "zu viel Grübeln",
nichts mit "Einbildung",
nichts mit "Melancholie",
nichts mit "Trübsal blasen",
nichts mit "unzureichender Erziehung",
nichts mit "zu einseitig kognitiver Förderung",
nichts mit "nicht genug gefordert worden zu sein",
nichts mit "vernachlässigt worden zu sein"
nichts mit "unverarbeiteten Traumen",
nichts mit "sich in der Einsamkeit gefallen",
nichts mit "sich darin gefallen anders zu sein",
nichts mit "nicht dazu gehören wollen",
nichts mit "nicht erwachsen werden wollen",
nichts mit "Querdenken",
nichts mit "einer Modeerscheinung",
nichts mit "Zeitgeist"
etc.
etc.
etc.
Es ist nach heutigem Wissen nicht möglich, Autismus jemals "loszuwerden".
Weder durch Erziehung, noch durch Medikamente, noch durch Diäten,
noch durch irgendeine sonstige Maßnahme gleich welcher Art.Man
kann einzelne Symptome manchmal - leider durchaus nicht immer - mit
viel Glück und sehr viel Engagement etwas mildern. Es
ist manchmal - leider durchaus nicht immer - möglich, mit sehr
viel Einfühlungsvermögen, Verständnis, Geduld und intensivem
Training dem Autisten zu helfen, einen Weg zu finden, ein wenig besser
mit all den schwerwiegenden und sich auf jeden Lebensbereich auswirkenden
Beeinträchtigungen umzugehen. Mehr
leider nicht. Die Beeinträchtigungen selbst bleiben immer bestehen.
Die meisten Betroffenen bleiben lebenslang auf begleitende Hilfen angewiesen.
Autismus gilt
in Fachkreisen als eine der schwerwiegendsten Behinderungen überhaupt.
Und damit auch das Asperger Syndrom.
Selbstverständlich
gibt es auch andere schwerwiegende Probleme.
Doch sollte niemand die mit Autismus verbundenen Probleme verharmlosen.
von
Cornelia
cornelia@autismus.org
* Zitat aus:
Hinweise zum Umgang
mit und zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom
und High-functioning Autismus
Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirates des Bundesverbandes "Hilfe
für das autistische Kind"
Zu beziehen über www.autismus.de
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