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März 2002
für: Autismus-Ambulanz Linker Niederrhein

DSM IV    ICD-10    Texte von Betroffenen und Eltern

Das Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom aus der Sicht eines Betroffenen
(Rainer Döhle)

Wer als Laie an Autismus denkt, hat vermutlich das Bild von einem Kind vor Augen, das vollständig in sich gekehrt ist, immer wieder dieselben Bewegungen wiederholt und bei Berührungen zu Panikattacken, Schreien und Selbstverletzungen neigt. Tatsächlich ist das aber nur eine mögliche Form von Autismus, die man auch Kanner-Autismus nennt.

Sehr vielen Autisten sieht man dagegen ihre Behinderung auf den ersten Blick kaum an, da sie eine weniger schwerwiegende Form des Autismus haben,
das Asperger-Syndrom. Asperger-Betroffene wollen oft von ihrer Umwelt nicht als Behinderte abgestempelt werden und sind darum bemüht, möglichst wenig "anzuecken", manch einer ist auch berufstätig oder studiert, bei vielen findet sich eine Hochbegabung, aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass hinter dieser sozusagen durch hohe Schauspielkunst aufrechterhaltenen Fassade oft massive Probleme verborgen liegen, die sich besonders im Umgang mit anderen Menschen zeigen.

Asperger-Autisten sehen anderen Menschen ungern in die Augen, vermeiden Körperkontakt, wie etwa das Händeschütteln, sind unsicher, wenn es darum geht, Gespräche mit anderen zu führen, besonders, wenn es sich um einen eher belanglosen Smalltalk handelt, denn all die sozialen Regeln, die andere intuitiv beherrschen - und die ja auch nicht immer der Logik folgen - etwa, dass man nur um des freundschaftlichen Kontaktes willen (und nicht aus meteorologischem Interesse) über das Wetter redet oder einfach fragt: "Wie geht's?", ohne dass man einen medizinischen Zustandsbericht erwartet, dass sind Dinge, die zu begreifen Autisten schwer fallen und die, wenn überhaupt, nur durch einige bewusste Anstrengung des Intellekts von ihnen geleistet werden kann. Daher haben Autisten oft auch keine oder kaum Freunde, jedenfalls was den Kontakt zu Nichtautisten angeht.

In der Schule etwa sind sie in den Pausen lieber für sich, weil sie mit dem "ganz normalen" Umgang anderer Schüler untereinander, mit ihrem Geplauder und ihren Witzen wenig anfangen können. Im Unterricht haben sie naturgemäß regelmäßig bessere schriftliche als mündliche Noten und etwa vor versammelter Klasse einen Vortrag zu halten ist etwas, das die wenigsten Asperger-Autisten leisten können. Da aber auch in der Ausbildung und im Studium oft derartige Dinge gefordert sind, findet man immer wieder Autisten, die vielleicht einen weit über dem Durchschnitt liegenden IQ haben und dennoch eine Ausbildung nach der anderen abbrechen müssen. Dazu kommt, dass auch die Information über Autismus in der Allgemeinheit immer noch längst nicht so verbreitet ist, wie es nötig wäre, sodass die meisten Autisten auch überhaupt nicht wissen, dass sie zu dieser Gruppe von Menschen gehören und je später eine korrekte Diagnose erfolgt (auch bei vielen Psychologen fehlt hier das Detailwissen, sodass sie bisweilen bei dieser von außen schwer eindeutig erkennbaren auch Fehldiagnosen stellen), desto schwieriger ist die Hilfe.

Autismus ist auch im eigentlichen Sinne nicht heilbar; die Wahrnehmung der Welt und die Beziehung zu anderen Menschen bleibt ein Leben lang anders als bei "normalen" oder wie Autisten gern sagen "neurologisch typischen" (NT) Menschen; dennoch lässt sich mit kompetenter Hilfe viel erreichen. Autisten verfügen oft über ganz erstaunliche kreative Potentiale - es gibt gute Musiker unter ihnen, auch liegt oft eine Neigung zu Sprach- und Wortspielen vor - die oft genug unentdeckt und ungenutzt bleiben, wenn keine Hilfe erfolgt. Auch haben viele Asperger-Autisten umfangreiches Wissen in begrenzten Spezialgebieten - wenn man einen Menschen sieht, der sich stundenlang mit irgendwelchen Statistiken oder Tabellen beschäftigt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man einen Autisten vor sich hat. Wichtig ist vor allem, dass der Zugang zu diesen Menschen möglichst indirekt erfolgt. Übliche Methoden mit Lob und Tadel greifen oft nicht und verstärken oft nur selbstbestrafendes Verhalten des Autisten; auch Festhaltetherapien sind in der Regel nur eine Qual für alle Beteiligten, ohne dass der Nutzen dabei allzu groß wäre.

Auf jeden Fall ist indirektes schriftliches Vorgehen oft besser als direkte mündliche Ansprache. Am Anfang steht jedenfalls die korrekte Diagnose als Asperger-Autist; hat der Betroffene, egal ob Kind oder Erwachsener, erst einmal einen Begriff für sein Handicap, erlebt er das meist als eine Befreiung. Es lassen sich dann auch leichter Fachleute finden, mit denen man darüber reden kann, die einem auch Therapiemöglichkeiten aufzeigen können und vor allem findet man ja so auch erst den Zugang zu dem ständig wachsenden Angebot an Selbsthilfe. So verständnisvoll und behutsam Eltern und Psychologen auch vorgehen, es ist doch kein Vergleich damit, was betroffene Autisten untereinander auszutauschen in der Lage sind; hier fällt das schwierige Erklären, was denn Autismus ist, weg, damit auch viele psychologische Hemmungen und man erlebt untereinander auch immer wieder den das-kenne-ich-bei-mir-auch-Effekt, der oft große Erleichterung bewirkt.


Von Rainer Döhle
Rainer@autismus-in-berlin.de

 

Über das Asperger Syndrom - und falsche Annahmen
(Cornelia, Mutter eines Sohnes mit AS)

 

Es kommt nicht selten vor, dass das Asperger Syndrom mit rein psychologischen Problemen verwechselt wird.

  • Etwa mit extremer Schüchternheit.
  • Mit großer sozialer Unsicherheit, die auf der übertriebenen Sorge darum beruht, was andere von einem denken könnten.
  • Oder mit der Überbewertung von Befindlichkeitsstörungen aufgrund übersteigerter Selbstbeobachtung.

Dies beruht auf einem Missverständnis:Das Asperger Syndrom ist eine schwerwiegende lebenslange autistische Behinderung, die erheblich mehr beinhaltet, als sehr schüchtern zu sein, Einzelgänger zu sein, eine Sozialphobie zu haben oder Kommunikationsprobleme zu haben.Diese Behinderung beruht auf neurologischen Problemen, "komplexen Störungen des Zentralnervensystems, insbesondere im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung,"* die nach heutigem Wissen höchstwahrscheinlich zumindest unter anderem genetisch bedingt ist.

Das bedeutet unter anderem:

Autismus ist nicht heilbar.
Autismus wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus.
Autismus ist eine Mehrfachbehinderung.
Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung.
...-Störung, nicht -Verzögerung! Es ist also keineswegs so, dass die "normale" Entwicklung lediglich langsamer verläuft oder später einsetzt. Autismus "wächst sich" nicht "aus".

Autismus hat nichts zu tun mit der "inneren Einstellung",
nichts damit, dass sich Betroffene etwa "nicht genug Mühe" gäben, ihren Zustand zu ändern,
nichts mit "mangelnder Willenskraft",
nichts mit "sich nicht zusammenreißen",
nichts mit "Selbstmitleid",
nichts mit "sich Hängenlassen",
nichts mit "Faulheit",
nichts mit "schlechter Arbeitshaltung",
nichts mit "zu schwach sein, den inneren Schweinehund zu überwinden",
nichts mit "fehlender Motivation",
nichts mit "Gleichgültigkeit"
nichts mit "Arroganz",
nichts mit "Egoismus"
nichts mit "Bosheit",
nichts mit "Trotz",
nichts mit Überempfindlichkeit im Sinne von "sich anstellen" oder "mimosenhaftigkeit",
nichts mit "verwöhntsein",
nichts mit "zu viel Grübeln",
nichts mit "Einbildung",
nichts mit "Melancholie",
nichts mit "Trübsal blasen",
nichts mit "unzureichender Erziehung",
nichts mit "zu einseitig kognitiver Förderung",
nichts mit "nicht genug gefordert worden zu sein",
nichts mit "vernachlässigt worden zu sein"
nichts mit "unverarbeiteten Traumen",
nichts mit "sich in der Einsamkeit gefallen",
nichts mit "sich darin gefallen anders zu sein",
nichts mit "nicht dazu gehören wollen",
nichts mit "nicht erwachsen werden wollen",
nichts mit "Querdenken",
nichts mit "einer Modeerscheinung",
nichts mit "Zeitgeist"
etc.
etc.
etc.


Es ist nach heutigem Wissen nicht möglich, Autismus jemals "loszuwerden".
Weder durch Erziehung, noch durch Medikamente, noch durch Diäten, noch durch irgendeine sonstige Maßnahme gleich welcher Art.
Man kann einzelne Symptome manchmal - leider durchaus nicht immer - mit viel Glück und sehr viel Engagement etwas mildern. Es ist manchmal - leider durchaus nicht immer - möglich, mit sehr viel Einfühlungsvermögen, Verständnis, Geduld und intensivem Training dem Autisten zu helfen, einen Weg zu finden, ein wenig besser mit all den schwerwiegenden und sich auf jeden Lebensbereich auswirkenden Beeinträchtigungen umzugehen. Mehr leider nicht. Die Beeinträchtigungen selbst bleiben immer bestehen. Die meisten Betroffenen bleiben lebenslang auf begleitende Hilfen angewiesen. Autismus gilt in Fachkreisen als eine der schwerwiegendsten Behinderungen überhaupt.
Und damit auch das Asperger Syndrom.

Selbstverständlich gibt es auch andere schwerwiegende Probleme.
Doch sollte niemand die mit Autismus verbundenen Probleme verharmlosen.

von Cornelia
cornelia@autismus.org

 

* Zitat aus:

Hinweise zum Umgang mit und zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom und High-functioning Autismus
Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirates des Bundesverbandes "Hilfe für das autistische Kind"

Zu beziehen über www.autismus.de